© Peter Empl

Zimmer „mit Aussicht“ statt der harten Parkbank
Mehr als 300 obdachlose Menschen brauchen in Karlsruhe regelmäßig Hilfe / Fachstellen: Wohnungsnot ist Dauerproblem

Von unserem Redaktionsmitglied Kirsten Etzold

Mit den ersten Frostnächten beginnt für obdachlose Menschen in Karlsruhe eine besonders harte Zeit. Frauen, Männer, Paare und auch Familien, die wohnungslos oder in akuter Gefahr sind, die eigenen vier Wände zu verlieren, betreut die Fachstelle Wohnungssicherung der städtischen Sozial- und Jugendbehörde, die mit der Fachberatungsstelle für Paare und Frauen in Wohnungsnot des Karlsruher Vereins Sozialpädagogische Alternativen (Sozpädal) zusammenarbeitet. Die jetzt vorgelegte Bilanz der Sozpädal-Beratungsstelle fürs vergangene Jahr zeigt: Die Zahl der Betroffenen schwankt, doch mehr als 300 Beratungsfälle pro Jahr bleiben die Regel.


EIN HARTES LOS haben Menschen, die auf der Straße leben, besonders in der kalten Jahreszeit. In Karlsruhe gibt es Hilfsangebote nicht nur für Obdachlose, sondern auch für Alleinstehende, Paare und Familien, die in akuter Gefahr sind, die eigenen vier Wände zu verlieren. Foto: dpa

Das Projekt „Bürgerinnen und Bürger ohne Wohnung“ (Bow) von Sozpädal mietet in der Fächerstadt seit 1983 „Zimmer mit Aussicht“ für Wohnungslose an, die auf dem regulären Wohnungsmarkt keine Chance haben. Ohne „Bow“ müssten diese Menschen ohne Perspektiven in Einrichtungen unterkommen oder auf der Parkbank leben. Wer ein Zimmer über „Bow“ erhält, lebte vorher auf der Straße oder in den städtischen Obdachlosenunterkünften. Andere werden von Beratungsstellen der Wohnungslosenhilfe oder bei Wohnungsverlust von der Fachstelle Wohnungssicherung der Sozial- und Jugendbehörde vermittelt.

Einmal obdachlos, sind Frauen besonders gefährdet, das betont auch die Liga der Wohlfahrtspflege, die jüngst auf Frauenarmut aufmerksam machte. (Die BNN berichteten.) Sozpädal erweitert sein Hilfsangebot für wohnungslose Frauen laufend. 2010 kamen 314 Betroffene in die spezialisierte Beratungsstelle des Vereins – 294 Frauen und 20 Männer. Zudem zählten die Beraterinnen 111 von Wohnungsnot ihrer Mütter betroffene Kinder. Seit 2004 steigt die Zahl der beratenen Frauen. 2006 kamen erstmals mehr als 200, der bisherige Rekord von 332 Hilfe suchenden Frauen wurde 2009 registriert. Besonders häufig meldeten sich Betroffene mit Anfang 20 sowie im Alter zwischen 30 und 50 Jahren. Bei einem Drittel aller Fälle spielte Migration eine Rolle.

„Echt ausruhen, nicht nur auf ’ner harten Bank rumhängen, keine Schläge, sich nicht verkriechen müssen“, das suchen und finden obdachlose Frauen im Tagestreff für wohnungslose Frauen (Taff) von Sozpädal in der Belfortstraße 10. Duschen, sich gründlich pflegen, mit Leuten reden können, Essen, ohne vorher betteln zu müssen, einen schweren Koffer sicher abstellen können – das zählt ebenso wie eine Adresse, wo die Post ankommt. Verfügbar ist der Treff aber nur werktags an Vormittagen, mittwochs auch bis 16.30 Uhr. Neu ist eine regelmäßige, kostenlose Sprechstunde einer Ärztin. Spenden ermöglichten das Angebot und die Einrichtung des Praxisraums.

BNN, 25.10.2011

Seitenanfang - Kontakt - Links - Impressum - UNTERSTÜTZEN SIE UNS MIT IHREN SPENDEN! - © SOZPÄDAL E.V.