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Ich habe kein Kinderfoto mehr
Armut trifft Frauen im Alter besonders hart

Witwe "erbt" 50 000 Euro Schulden
von unserem Redaktionsmitglied Kirsten Etzold

Als der Drogeriemarkt Schlecker dicht machte, räumte die Filialleiterin Gabriele Kos noch mit Regale aus, dann stand die damals 54-jährige vor dem Nichts. Für die Mutter dreier Söhne, der jüngste gerade volljährig, begann ein tiefer Fall. An einer Depression erkrankt, war sie nach Monaten in Kliniken ihre Wohnung und sämtliche Habe los. Gut vier Jahre ist das her. Im Tagestreff für Frauen (Taff) des Karlsruher Vereins Sozpädal arbeitet die schlanke, elegant gekleidete Frau jetzt fest im Team, das Kasse und Küche, Theke und Kleiderausgabe betreut. Jahrgang 1958, wird sie bald statt Arbeitslosengeld Frührente beziehen – also noch weniger Geld. Außerdem dürfe sie dann im Tagestreff keine 30 Stunden pro Woche mehr arbeiten. „Dann suche ich mir noch eine zusätzliche Aufgabe“, sagt sie. „Nur herumhocken, das halte ich nicht aus.“

Ebenfalls an verantwortungsvolle Aufgaben gewöhnt ist Kos’ Teamkollegin. Vier Kinder hat sie allein großgezogen, parallel permanent in der Altenpflege gearbeitet, „wochenends, an Weihnachten, immer, wenn ich gerufen wurde“. Vor sechs Jahren kam der Absturz. „Ich konnte von einem Tag auf den anderen nicht mehr aufstehen“, erinnert sich die heute 58-Jährige. Auch sie durchlitt Depression, Krankenhaus, Wohnungsverlust. Während sie allmählich wieder auf die Füße kam, stahl eine Mitbewohnerin in betreuten Räumen noch ihre letzten Wertsachen. Umso froher ist sie, dass sie inzwischen eine kleine Einzimmerwohnung für sich hat. „Ich habe kein Foto von den Kindern mehr, als sie klein waren, kein Erinnerungsstück, nichts“, erzählt sie.

Die beiden Frauen, die in Armut leben, obwohl sie ihr ganzes Leben lang hart gearbeitet haben, sind kein Einzelfall, betont Lissi Hohnerlein von Sozpädal. Krank werden, den Job verlieren – das passiert auch Männern. Doch zerbricht eine Familie, erziehen oft die Frauen die Kinder weiter, machen beim Geldverdienen eventuell Abstriche und erwerben geringere Rentenansprüche. Gerade in Krisensituationen werden manche Frauen zudem Opfer von Gewalt. Sie machen finanzielle Ansprüche seltener geltend, stellt Hohnerlein fest. Und manche bleibt auf Schulden des Expartners sitzen. 50 000 Euro hätte eine frisch verwitwete Frau in einem aktuell Fall abzustottern, berichtet die Sozialarbeiterin: „Sie hatte für ihren Mann alles unterschrieben.“

Mindestens 100 Karlsruherinnen, die in Armut leben, kennt Lissi Hohnerlein persönlich, weil sie regelmäßig in den Tagestreff kommen. Täglich steuern 40 bis 60 Frauen den Treff nahe dem Mühlburger Tor an. Längst sind Frauen, die auf der Straße leben, in der Minderzahl. „Das sind vielleicht zehn“, sagt die Sozialarbeiterin. Immer öfter stießen Frauen dazu, die an ein bürgerliches Leben gewöhnt sind: „Manche hatte ein eigenes Haus, einen Ehemann und Kinder, hat alles verloren und ist völlig überschuldet.“ Schließlich schnappt, oft abhängig vom Alter, die Armutsfalle zu: „Ab 55 geht gar nichts mehr.“

Noch nie war es zudem so schwierig für arme Menschen, Wohnraum zu halten, sagt Hohnerlein, die kürzlich mit Sozialdezernent Martin Lenz in Berlin an der Nationalen Armutskonferenz teilnahm. (Die BNN berichteten.) Betroffenen Frauen sehe man Armut oft nicht an: „Sie schminken sich sorgfältig und achten auf ihre Kleidung.“ Viele ziehen sich aber zurück: Kegelabend und Café werden zu teuer. Besonders eng wird es zu Weihnachten: „Unsere Besucherinnen wissen nicht, wie sie ihren Kindern oder Enkeln etwas schenken können“, berichtet die Tagestreff-Leiterin. Sind alle übrigen Wege ausgeschöpft, springt das Taff-Team ein und gibt etwa Einkaufsgutscheine weiter, die Spender in Karlsruher Läden erworben haben.

STICHWORT: Tagestreff für Frauen

Der Tagestreff für Frauen (Taff) des Vereins Sozialpädagogische Alternativen (Sozpädal) im Rückgebäude der Belfortstraße 10 bietet eine Kaffee- und Wärmestube, Duschen, eine Kleiderkammer, Waschmaschine und Trockner, Schließfächer, eine Postadresse für derzeit 200 Frauen ohne eigene Meldeadresse, einen Computer, Telefon, Kopierer und Fax, aber auch Spiele, Fernsehen, Zeitschriften, Platz zum Ausruhen und für den Erfahrungsaustausch mit anderen Frauen. Zudem erhalten die Besucherinnen fachliche Beratung, einschließlich Unterstützung bei Suchtproblemen.

Geöffnet ist der Tagestreff mit seiner Cafeteria und allen Serviceangeboten an jedem Vormittag außer sonntags, mittwochs sogar von 9 bis 16.30 Uhr. Dienstags gibt es ein gemeinsames Frauenfrühstück, mittwochs gemeinsames Mittagessen, an den übrigen Tagen Mahlzeiten oder Verpflegung für hungrige Besucherinnen. Außerdem gibt es die Möglichkeit, zu arbeiten und sich zu qualifizieren. ke

BNN 28.11.2017

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