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„Träume, die du dich traust zu träumen ...“
Ausstellung „zweiSCHLÜSSEL“ bewegt die Gäste - Obdachlose Frauen und Kunststudentinnen

von unserem Redaktionsmitglied Patrizia Kaluzny

„Somewhere over the Rainbow“ singt Antje Schumacher und spielt dazu Ukulele, während die Besucher dicht gedrängt in der Galerie „Kunstperipherie/n“ lauschen. Viele singen auch leise mit. „Irgendwo über dem Regenbogen ist der Himmel blau. Und die Träume, die du dich traust zu träumen, werden wirklich wahr...“ Passender könnte das Lied an diesem Abend kaum sein.

Das ganze Wintersemester über trafen sie sich jeden Mittwoch – die Frauen aus dem Tagestreff (TafT) der Sozialpädagogischen Alternative (Sozpädal) und die Frauen von der Staatlichen Kunstakademie der Bildenden Künste, die freie Kunst und Kunsterziehung für das Lehramt studieren (die BNN berichteten). Im Alltag wären sie sich sonst kaum über den Weg gelaufen. Nun aber haben sie sich gegenseitig porträtiert und fotografiert, sie haben an Installationen und in der Lithografiewerkstatt gearbeitet. Sie sind sich begegnet – auf Augenhöhe. Dabei ging es weder um einen kunsttherapeutischen noch um einen pädagogischen Ansatz. Die wohnungslosen Frauen, deren Alltag sich im Tagestreff von Sozpädal und auch auf der Straße abspielt, machten einfach Kunst – um der Kunst willen.

Ein Teil der kreativen Arbeiten, darunter Zeichnungen, Lithografien und Fotografien, sind seit Mittwochabend in der Galerie „Kunstperipherie/n“, die sich im Gebäude von Sozpädal in der Scheffelstraße befindet, zu sehen. „zweiSchlüssel“ lautet der Titel der Ausstellung – „einer für die Haustür, einer für die Wohnung. Einer für dich, einer für mich. Einer zu deiner Welt, einer zu meiner. Zwei für uns beide“, formuliert es Christina Griebel in ihrer Einführung an diesem Abend. Die Schriftstellerin und bildende Künstlerin ist seit 2015 Professorin für Kunstdidaktik und Bildungswissenschaften an der Kunstakademie und Initiatorin dieses inklusiven Projekts.

Es sei ein wechselseitiges Zeitgeschenk gewesen, dass möglich machte, dass etwas zur Existenz gelangte, was es ohne diese regelmäßigen Stunden des Zusammenseins nicht gegeben hätte, sagt Griebel. „Ob ich nun im Wald aufgewacht bin oder in einer Eigentumswohnung, ob ich meinen Tag auf der Straße, in einer Tageseinrichtung, bei einem Praktikum oder im Atelier verbracht habe – endlich einmal musste niemand darüber reden, warum das so ist und was alles geändert werden muss. Es gab einfach nur Hände und Augenpaare“, so die Kunstprofessorin.

Die Frauen, die täglich mit ihrem Überleben beschäftigt sind, strahlen und in sich ruhen zu sehen, habe sie sehr glücklich gemacht, betont die Sozialarbeiterin und Leiterin des Bereichs Frauen bei Sozpädal, Lissi Hohnerlein. Stolz sei sie auch darauf, dass die Arbeiten „hier in dieser Galerie“ einen Platz gefunden haben, wo sie der Öffentlichkeit nahe gebracht werden können. Hohnerlein dankte zudem den Frauen vom Zonta Club Karlsruhe, die die Ausstellung finanziell unterstützt haben – etwa die Kosten für das Rahmen der Bilder.

„Ich sehe sehr viel Aktualität in dieser Kunst. Man ahnt die Geschichten, die dahinter stehen“, so die Karlsruher Grünen-Bundestagsabgeordnete Sylvia Kotting-Uhl bei der Vernissage. Das Projekt habe den Frauen die Möglichkeit gegeben, die eigene Würde zu empfinden. „Leider lässt die Politik es immer mehr zu, dass die Würde angetastet wird“, kritisiert Kotting-Uhl.

Die Karlsruher Frauenbeauftragte, Annette Niesyto, lobte die Arbeit der Frauen, die „auch Lebenskünstlerinnen sind“, und die Arbeit von Sozpädal. „Es geht hier immer über die Augenhöhe – ich kenne wenige Träger der sozialen Arbeit, die so konsequent arbeiten.“

Nachdem die Reden und die Musik von Antje Schumacher und dem TafT-Chor sowie die sphärischen Töne Heidrun Schmiedels Performance „Myrmica“ verklungen sind, haben die Besucher auch endlich ausreichend Zeit, die künstlerischen Arbeiten genauer zu betrachten.

„Ich war skeptisch an Anfang – was würde da rauskommen“, gesteht Claudia. Aber jetzt sei sie einfach nur stolz, wenn sie dort an die Wand schaue, und ihr Bild sehe. „Ich hätte nie gedacht, dass mein Name mal unter Künstlern auftaucht“, sagt die 59-Jährige schüchtern. Sie freut sich auch, wenn die Besucher sie auf einem der Bilder wiedererkennen. Es zeigt Claudias Porträt – wie sie ist und wie sie sich selbst sieht. Halb Fotografie, halb Zeichnung.

Ich kann doch gar nicht zeichnen, hatte sie immer wieder beteuert. An diesem Abend steht Silvia selbstbewusst da: „Jetzt kann ich sagen, ich kann doch zeichnen.“ Sie lacht. Ihre Augen strahlen. Für einen Moment hält sie inne, während sie ihre Zeichnungen an der Galeriewand betrachtet. „Ich könnte heulen vor Glück.“

BNN 09.03.2018


Weitere Infos zu Ausstellung finden Sie unter galerie-kunstperipherien.de.

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