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Kunstprojekt mit bleibenden Spuren


Foto: Isabelle Kaczmarek


Christina Griebel erhält Landeslehrpreis

Sie habe nicht danach gesucht, es habe sie gefunden, sagt Christina Griebel über das Projekt „outside“. Bei dem von ihr initiierten integrativen Seminarprojekt treffen sich Kunststudenten mit wohnsitzlosen Frauen regelmäßig zur künstlerischen Arbeit. Ein Teil der Bilder und Fotografien, die dabei bisher entstanden sind, waren bereits in einigen Ausstellungen zu sehen (die BNN berichteten mehrfach).

Jetzt wurde Christina Griebel, die seit 2015 Professorin für Bildungs­wissen­schaften und Kunst­didaktik an der Karlsruher Kunst­akademie ist, für das Projekt mit dem Landes­lehrpreis im Bereich der Kunsthochschulen ausgezeichnet. „Außergewöhnlich innovativ und gelungen zeigt die Preisträgerin, wie gesellschaftliche Teilhabe an Kunst und pädagogische Ausbildung von Lehramtsstudierenden funktionieren kann“, sagte Wissenschaftsministerin Theresia Bauer am Mittwoch bei der Übergabe des Preises in Stuttgart. Mit ihrem Projekt „outside“ schlage Christina Griebel eine Brücke zwischen Theorie und Praxis, zwischen Hochschule und Stadt sowie aus der Mitte zu den Rändern der Gesellschaft, so Bauer. Neben der Kunstprofessorin zeichnete die Wissenschaftsministerin 19 Preisträgerinnen und Preisträger anderer Hochschularten aus.

Mehr Wertschätzung

Für Christina Griebel bedeutet der Landeslehrpreis vor allem Wertschätzung. Denn: „An Kunsthochschulen erfahren Studierende, die sich für das Lehramt entschieden haben, nicht allzu viel davon – das schlägt auf ihr Selbstbewusstsein zurück“, kritisiert die Professorin, die an der Karlsruher Kunstakademie die Bachelor- und Masterstudiengänge für das Lehramt und das künstlerisch-wissenschaftliche Verbreiterungsfach „Intermediales Gestalten“ aufgebaut hat. Auch gebe es generell im Hochschulbereich eine sich steigernde Exzellenz­schraube, egal, ob es um Kunst oder Wissenschaft gehe. „Die Kunst des Lehrens fällt immer noch durch die Raster, obwohl jedem klar sein sollte, dass wir unsere Zukunft verspielen, wenn uns die nächste Generation nicht am Herzen liegt“, mahnt sie.

Als Griebel 2017 das integrative Projekt startete, war ihr die Arbeit des Tagestreffs für Frauen (TafF) der Sozialpädagogischen Alternativen (Sozpädal) bereits gut bekannt. Bei Lissi Hohnerlein, Sozialarbeiterin und Leiterin des Bereichs Frauen bei Sozpädal, stieß die Kunstprofessorin auch sofort auf Zustimmung. Die Frauen aus dem Tagestreff besuchten jede Woche die Akademie und arbeiteten dort gemeinsam mit den Studenten. Sie malten und sie porträtierten sich, sie fotografierten, stellten lithografische Druckplatten her und schufen Installationen. Für zwei Stunden pro Woche konnten die obdachlosen Frauen ihre raue Wirklichkeit vergessen und Dinge tun, von denen viele nicht wussten, dass sie sie überhaupt können.

Von dem Projekt profitierten auch die Studierenden: „Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass man im Kunststudium wie in keinem anderen auf sich selbst zurückgeworfen ist. Das kann zu einem Sich-Einkreiseln in künstlerische Stillstände und Selbstbezüglichkeiten führen“, räumt Griebel ein. „Der Blick über den Tellerrand, die Öffnung für den Anderen und das ganz Andere, das sie oder er tut, empfindet und denkt, das ist das beste Gegenmittel“, findet sie.

Projekt läuft weiter

Die kreative Zusammenarbeit mit den wohnsitzlosen Frauen war keine einmalige Sache, die nach einem Semester beendet wurde. Das Projekt hat das Format einer heterogenen Künstlergruppe angenommen. Einige Akteure sind konstant dabei, andere wechseln. „Für die Frauen im TafF ist es zu einem festen Bezugspunkt geworden“, sagt Griebel. „Von Anfang an haben wir so gearbeitet, dass das Projekt sich verwandelt, damit es nicht festfährt.“ Es wurden neue künstlerische Arbeitsformen entdeckt, neue Tutoren, Lehrbeauftragte und ehrenamtlich Engagierte angelernt. Die Orte wechselten. Das Projekt wanderte aus dem TafF an die Kunstakademie und von dort in die Kunsthalle. Aktuell wurden sogar eigene Räume in einer ehemaligen Bäckerei am Werderplatz bezogen – an der Finanzierung wird noch gearbeitet, berichtet die 1973 in Ulm geborene Kunstprofessorin.

Auch für die Studenten geht es weiter: „Durch solche Projekte lernen sie nachhaltig, inklusives Arbeiten und Denken in die eigene Praxis zu integrieren und die eigene Position in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext zu stellen“, sagt Griebel. „Aus dem Wunsch, das Auf-sich-selbst-geworfen-Sein im Atelier zeitweise gegen die Auseinandersetzung mit Situationen der Gemeinschaft einzutauschen, entstehen eigene und kollektive Möglichkeiten zur Gestaltung und Veränderung von Gesellschaft – nicht durch Kunst, sondern von Kunst aus.“
Patrizia Kaluzny - BNN 05.12.2019

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