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HoheLied - eine szenische Miniatur
eingerichtet von EXIT Ausgangspunkt Theater, Mannheim

Zwischen Schönheitsklischee und enttäuschter Liebe

Szenische Inszenierung des „biblischen Hohelieds“ der Liebe im Tollhaus / Zarte Poesie und zeitgemäße Szene.

Charlotte Daub in den Badischen Neuesten Nachrichten vom 10.12.2002

„Wie eine zarte Palme ist dein Wuchs, deine Brüste sind wie Trauben. Ich sage: Ersteigen will ich die Palme; ich greife nach den Rispen ...“ Wo würden Sie diesen Text vermuten? wohl eher nicht in der Bibel. Und doch befindet er sich dort, zwischen Psalmen und dem Buch der Weisheit: im Hohelied Salomonis. Die Verse preisen die Liebe von Frau und Mann. Im Tollhaus fand jetzt eine szenische Aufführung statt. In der Aufführung, einem „Ein-Frau-Stück“, geht es nicht um die gegenseitige Liebesbezeugung zweier Menschen, sondern um eine unerfüllte Liebe. Auf Einladung der Initiative „SOZPÄDAL" (SOZIALPÄDAGOGISCHE ALTERNATIVEN) stellte die Kölner Schauspielerin Kathrin Höhne von der Gruppe EXIT Ausgangspunkt Theater“ die schöne Sulamith dar; sie wartet vergeblich auf ihren Geliebten und erinnerst sich an seine Liebeserklärungen.

Das Hohelied besteht eigentlich aus mehreren Liedern, die vermutlich während des Hochzeitsfestes gesungen wurden. Statt lasziver oder trivialer Reize veranschaulichen ungewöhnliche Tier- und Naturmetaphern das Beschriebene: „Deine Brüste sind wie zwei Kitzlein, wie die Zwillinge einer Gazelle, die in den Lilien weiden.“ Kein wogender Busen, kein „Kirschmund“ - sondern erotische und zarte Poesie.
Auf der Bühne im Tollhaus: Die Schauspielerin kommt lärmend herein, eine Schnur mit Cola-Dosen hinter sich her schleifend wie ein Hochzeitsauto. Knallrote Lippen, starker blauer Lidschatten, Kunsthaar in Rot, Lila und Blond, rote Lederstiefel. „Küss mich!“ fordert sie einen Mann im Publikum auf, einem anderen setzt sie sich auf den Schoß. Sie poliert sich die roten Fingernägel, drückt einen Pickel aus, steckt Watte in ihren BH, hört Musik von Björk, singt mit, schunkelt, hüpft. Sie behängt sich mit Glücksbringern und Plüschbändern wie ein Weihnachtsbaum. Doch je länger sie sich herrichtet und wieder auszieht, immer wartend, desto enttäuschter wird sie.

Den wütenden Vorwurf und die Trauer, die Erinnerung an eine glückliche Liebe und die Einsamkeit spielt Kathrin Höhne sehr nuancenreich aus. Dennoch gelangten Inszenierung und Schauspielerei nicht wirklich zur Deckung: Inszenierung und Requisite zeigten eine Frau, die über dem von der Werbung vermitteltem Schönheitsideal und klischeehaften Verhaltensmustern das individuelle Empfinden verlernt hat. Die Schauspielerin verkörperte jedoch meistens einen unglücklich liebenden, verletzten Menschen. Wenn also Gesellschaftskritik intendiert war, so wurde sie nicht konsequent genug präsentiert, und durch das Spiel teilweise konterkariert, und so blieb die Modernisierung letztlich klischeehafter als die jahrtausendealte Vorlage.

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