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Wenn Menschen auf der Straße stehen
Aktuell sinkt die Zahl der Obdachlosen/ Stadt Heidelberg informiert sich über Karlsruher Weg

Tina Givoni - BNN 12.08.2021

Kurzarbeit, Jobverlust und Stress in Zeiten des Lockdowns: Manche wirtschaftliche Existenz geriet in der Corona-Krise ins Wanken. Doch wirklich auf der Straße stehen in Karlsruhe derzeit weniger Menschen als vor Ausbruch der Pandemie. Die Zahl der Wohnungslosen ist zuletzt gesunken. „Vielleicht hat Corona die Lage sogar etwas entspannt“, meint Sonja Rexhäuser von der städtischen Fachstelle Wohnungssicherung..

Es kommen jeden Monat neue Menschen hinzu, die ihre Wohnung verlieren.
Sonja Rexhäuser
Fachstelle Wohnungssicherung

Genau 487 Menschen muss Karlsruhe aktuell in den stadtweit 20 Unterkünften unterbringen, weil sie keine eigene Wohnung mehr haben. Zum Vergleich: Im Jahr 2018 waren es 596 und 1993 sogar 613 Personen. „Eine Horrorzahl“ nennt das Sozialbürgermeister Martin Lenz (SPD). Dass die in der aktuellen Krise nicht wieder erreicht wurde, habe mehrere Gründe. Rexhäuser ist sicher, dass mancher, der sich sonst auf dem angespannten Wohnungsmarkt schwer tat, gerade im Lockdown zum Zug kam: Weil Studenten oder Monteure nicht in die Stadt kamen oder Zimmer von Wochenend-Heimpendlern in Zeiten von Homeoffice frei wurden. Die Expertin glaubt, dass dieser Effekt aber nicht von langer Dauer ist. „Da sind sicher viele befristete Verträge dabei.“ Das Pendel kann also wieder in die andere Richtung umschlagen. Doch nervös sind Lenz und seine Mitarbeiter nicht. „Wir starren nicht wie die Schlange auf das Kaninchen.“ Karlsruhe habe vielmehr ein System aufgebaut, das auf vier Säulen beruht. Die selbstständige Wohnungssuche mit unterstützender Begleitung der Stadt ist eine Säule. „Zudem ist die Zusammenarbeit mit den freien Trägern gewachsen“, sagt Rexhäuser, das reiche von der Arbeiterwohlfahrt (AWO) über Sozpädal bis zur Heimstiftung. Gleiches gelte für die Volkswohnung. Säule Nummer vier ist Wohnraumakquise: Ein Karlsruher Weg, der bundesweit und zum Teil auch im europäischen Ausland kopiert wird.

Bei der Wohnraumakquise arbeitet die Stadt eng mit privaten Immobilienbesitzern zusammen: Oft lange leerstehender Wohnraum wird bei Bedarf mit Hilfe städtischer Mittel saniert. Dafür darf die Stadt dort mindestens zehn Jahre Wohnungslose unterbringen. 2005 wagte sich Karlsruhe damit an den freien Markt. „Wir dachten, dass da ein Mikro-Wohnungsmarkt entstehen könnte. Wir standen aber als Theoretiker da“, erinnert sich Lenz. 24 Wohnungen fanden die Mitarbeiter im ersten Jahr, 84 Menschen zogen dort ein. „Das ist quer über das Stadtgebiet verteilt“, erläutert Lenz. Der Erfolg riss nicht ab: Stand Juni 2021 umfasst der Bestand der Akquise 927 Wohnungen, in denen 2.262 Menschen leben.

„Hätten wir dieses Programm nicht, wäre heute sicher die Hälfte dieser Gruppe von uns unterzubringen“, ist Rexhäuser sicher. Die „Horrorzahl“ von 600 wäre also deutlich übertroffen. „Das wäre teuer und sozial elendig“, sagt Lenz. Stattdessen sinkt die Zahl der Wohnungslosen aktuell sprunghaft, weil allein in der früheren Paracelsus-Klinik in Durlach 100 Wohnungen Teil der Akquise wurden. „Die Hälfte der Mieter sind eingezogen. Auch die anderen Wohnungen sind zugesagt“, so Rexhäuser. Es seien Frauen aus dem Frauenhaus, angehende Pfleger oder Erzieher und auch Rollstuhlfahrer zum Zug gekommen, weil das Haus barrierefrei ist. „Es sind aber auch Menschen dabei, die akut ihre Wohnung verloren haben.“ 487 Wohnungslose minus 50 Wohnungen: Braucht es also nur noch 437, um das Problem zu lösen? Nein, sagt Rexhäuser. „Es kommen jeden Monat neue Menschen hinzu, die ihre Wohnung verlieren.“ Deshalb sanken zwar Anfang der 1990er Jahren die Zahlen, als große neue Wohngebiete wie in der Nordstadt entstanden. Das Thema erledigte sich aber nicht.

Inzwischen ist die Stadt Heidelberg auf die Para aufmerksam geworden. Im September reist eine Bürgermeisterin an, um das Objekt zu besichtigen. „In Heidelberg gibt es ein früheres Altenheim, das für etwas Ähnliches in Frage kommt“, so Lenz. Er ist landauf, landab ein gefragter Referent, wenn es um Wohnungsnot geht – denn die herrscht vielerorts. „Das ist heute nicht mehr nur ein Großstadtthema“, sagt Rexhäuser. „Für kleinere Kommunen sind fünf neue Wohnungslose eine Herausforderung, bei uns sind es 200.“

Die Fachstelle Wohnungssicherung, die Rexhäuser leitet, hat Karlsruhe seit 1997 entwickelt und 2007 in der jetzigen Form etabliert. Ob Ordnungsrecht oder Soziales: Alles ist unter einem Dach. „Die Leute kennen sich mit dem Thema aus“, sagt Rexhäuser. In anderen Städten ist die Sache manchmal verzwickter: Da ist ein Amt zuständig für Familien, eines für Alleinerziehende... „Berlin diskutiert gerade, eine Fachstelle wieder einzuführen“, so Lenz.

 

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